Interview Paul H.

Paul H. hat im Februar 2014 an unserem Showcase teilgenommen und spielte zu dieser Zeit in der U19 von Fortuna Düsseldorf. Noch im selben Jahr hat er sich nach Erhalt eines Fußballstipendiums der Utah Valley University für ein Studium in den USA entschieden. Nach bereits 3 Jahren hat er an seiner Uni den Bachelor-Abschluss in International Business Management mit hervorragenden Studienleistungen abgeschlossen. In seiner Zeit in den USA hat er zudem großartige sportliche Leistungen für seine Universitätsmannschaft erbracht sowie zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

Hi Paul, vielen Dank, dass du dir die Zeit für ein Interview genommen hast und interessierten Spieler/innen einen Einblick in deine bisherigen Erfahrungen geben möchtest. Wir haben daher einige Fragen vorbereitet.

Was war für dich der ausschlaggebende Grund, mit einem Fußballstipendium in den USA zu studieren?

Als ich gemerkt habe, dass es in Deutschland mit der Profikarriere nicht so gut klappen könnte wie erhofft, habe ich frühzeitig in der U19 den Entschluss gefasst, in die USA zu gehen, um parallel zum Fußball zu studieren und dort nochmal die zweite Chance mit der Profikarriere im Fußball zu suchen. Die Teilnahme am ProSoc-Showcase verlief sehr gut für mich und ich habe dadurch einige sehr attraktive Stipendienangebote erhalten, weshalb ich mich dafür entschieden habe, ein Stipendium an der Utah Valley University anzunehmen.

Wie erfolgreich verlief die sportliche Zeit in den 3 Jahren bei deiner Universitätsmannschaft?

Als ich in die USA rübergegangen bin war meine Uni im First Year Program - das heißt, das war das erste Jahr, in dem die Uni Fußball angeboten hat. Deshalb hatten wir im ersten Jahr noch leichte Startschwierigkeiten. Das zweite Jahr verlief dann schon richtig gut, da haben wir uns für das National Tournament qualifiziert, in dem die besten Uni-Mannschaften der USA spielen. Das dritte Jahr verlief dann überragend, vor allem für mich persönlich, da ich einige Auszeichnungen erhalten habe und beispielsweise als erster Spieler meiner Universität in das All-American Team der besten College Spieler gewählt wurde.

Wie kann man sich das fußballerische Niveau in den USA vorstellen und wie bist du der Spielweise in den USA zurechtgekommen?

Das Niveau in den USA ist wirklich sehr gut und man kann als ehemaliger U19-Spieler nahtlos auf demselben Niveau anknüpfen wie in Deutschland auch. Allgemein kann man sagen, dass der Fußball in den USA sehr körperlich und athletisch ausgeprägt ist. Vom Spielstil musste ich mich als Flügelspieler zunächst etwas umstellen und habe erst eine gewisse Zeit gebraucht, um mit der Spielweise klarzukommen. Aber je mehr ich mich an das System angepasst und mich auf die Taktik und die Jungs eingestellt habe, desto besser lief es auch bei mir persönlich. Es hat mich in meiner persönlichen Entwicklung extrem weitergebracht.

Dazu muss man beachten, dass in den USA viel auf Statistiken geachtet wird. Wenn du als Offensivspieler Tore oder Assists machst, bist du gut. Wenn nicht, dann findest du weniger Beachtung. Deswegen habe ich nach meinem ersten Jahr, in dem es für mich auch wegen der Eingewöhnung persönlich noch nicht so gut lief, mein Spiel umgestellt und bin mehr in die Offensive gegangen, um durch mehr Tore und Assists meine Statistik aufzubessern, was auch gut geklappt hat.

In Bezug auf das Niveau der Mannschaften muss ich sagen, dass ich selber vorher ja im Bundesliga-Juniorenbereich gespielt habe und mich daher auf die körperlich stärkeren Spieler im Erwachsenenbereich auch erstmal einstellen musste. Das Niveau der Spieler in den USA ist wirklich sehr gut - allgemein kommt die Qualität der Mannschaft aber auf die jeweilige Uni an, in meiner Uni waren zum Beispiel extrem gute Spieler. Vom Alter sind die jüngsten Spieler im Team ca. 17-18 Jahre, dies sind dann meistens die „Freshmen“. Dagegen waren die Ältesten in der Mannschaft 24-25 Jahre alt, welche dann eben normalerweise die „Seniors“ waren, also die Studenten in Ihrem letzten Semester.

Aus welchen Ländern kommen deine Mitspieler? Gibt es auch andere Deutsche?

Wir hatten in unserem Team u. a. Spieler aus Mexiko, Brasilien und Liberia sowie einen Amerikaner, der 6 Jahre in Deutschland gelebt hat und mit dem ich mich dann auch auf Deutsch unterhalten konnte. Außer mir war in meiner Mannschaft allerdings niemand aus Europa. Manchmal wünscht man sich zwar, dass man sich mal mit einem Deutschen austauschen kann. Aber alle Jungs waren bei uns waren echt super und wir haben uns wirklich gut verstanden und jede Menge Spaß miteinander gehabt.

Wie kann man sich die Atmosphäre bei den Spielen vorstellen? Ist es vergleichbar mit z.B. College Football oder wird eher auf Nebenplätzen gespielt?

Unsere Uni hat ein cooles Stadion und auch die meisten anderen Teams haben richtige Stadien mit spezifischen Fußballfeldern, sodass man beispielsweise auch nicht auf Footballplätzen spielt. Nur bei ein paar Unis wird Fußball nicht so großgeschrieben, aber das ist eher selten der Fall. An unserer Uni ist der Support der Studenten super und unsere große Fan-Sektion feuert uns auch immer ordentlich an. Wir haben daher bei Heimspielen auch häufig 3500 Zuschauer. Nach dem Spiel geht man dann auch mal zusammen mit den Fans weg und feiern.

Wie gestaltet sich der Ablauf eures Teams bei Auswärtsspielen?

Da in unserer Conference keine Mannschaften spielen, die in der näheren Umgebung unserer Uni liegen, sind wir tatsächlich zu allen Auswärtsspielen geflogen. Wir sind dann meist am Donnerstag losgeflogen, hatten Freitag dann ein Spiel und am Samstagmorgen sind wir dann woanders hingeflogen. Dort hatten wir sonntags dann das nächste Spiel und sind anschließend abends wieder zurückgeflogen. Zum Beispiel hatten wir da ein Wochenende, an dem wir donnerstags nach Las Vegas geflogen sind und danach weiter nach Phoenix. Das macht auf die Dauer zwar etwas müde, aber es ist auf jeden Fall eine super coole Erfahrung und man kommt viel herum. Ein Vorteil ist auch, dass man dadurch keine langen Busfahrten mitmachen muss, sodass man auch noch etwas von den Städten sehen kann, wenn wir beispielsweise freitags ein Spiel haben und das Hotel ziemlich im Stadtzentrum liegt.

Wie gestaltet sich der Studien- und Trainingsalltag während der Saison?

Da ich meine Kurse meistens abends belegt habe, konnte ich meist immer ausschlafen, wir hatten dann immer um 13.30 Uhr Training. Vor und nach dem Training kann man dann auch abhängig von seinem Fitnesszustand immer zum Physiotherapeut gehen, der sich immer um einen kümmert. Das Training dauerte dann immer eineinhalb bis zwei Stunden. An manchen Tagen gab es zusätzlich noch eine einstündige Einheit im Fitnessstudio vormittags.

Nach dem Training hat man dann abhängig vom jeweiligen Tag von ca. 16-20 Uhr Uni und danach habe ich dann oftmals mit Freunden und Teamkollegen etwas unternommen. In der Woche vor Auswärtsspielen habe ich dann meine Kurse immer auf montags bis mittwochs gelegt, da wir ja donnerstags schon losgeflogen sind und ich so wenig wie möglich in der Uni verpassen wollte. Bei Heimspielen hatte ich dann donnerstags und freitags mehr Zeit für meine Kurse bzw. für die Erledigung der Aufgaben.

Vor den Spielen haben wir uns dann immer morgens und mittags getroffen. Mittags haben wir dann meist gemeinsam Pasta gegessen, um später fit das Spiel zu sein.

Wie gestaltet sich die Unterstützung von Seiten der Universität, um dein Studium neben dem Fußball optimal zu meistern?

Ich kann von meiner Uni sagen, dass das echt geregelt ist. Mir wurde ein Studienberater zur Seite gestellt, der mit mir in jedem Semester die Kurse durchgegangen ist - d.h. welche ich belegen kann bzw. sollte und zu welchen Zeiten es diese gibt. Da ich ehrlich gesagt nicht gerade ein Morgenmensch bin, habe ich meine Kurse meist abends belegt.

Ein Vorteil als Athlet ist außerdem, dass du dich für die Kurse ein Tag früher anmelden kannst als andere Studenten, was vor allem für Kurse, die schnell voll sind hilfreich ist. In den Kursen helfen dir als Athlet zudem auch die Professoren mehr, wenn man jetzt beispielsweise die Aufgaben nicht rechtzeitig schafft.

Wie waren die akademischen Anforderungen an deiner Uni und bist du mit dem Niveau an der Uni zurechtgekommen vor dem Hintergrund der sportlichen Verpflichtungen?

Meine Uni hatte akademisch keine besonderen Einschränkungen was zum Beispiel den Abi-Schnitt anbelangt. Die Anforderungen sind aber auch von Uni zu Uni unterschiedlich. Ein Freund von mir musste zum Beispiel einen relativ hohen TOEFL-Test für seine favorisierte Uni haben, da es bei ihm wegen seines Abi-Schnitts nicht für die Uni gereicht hätte. Man muss aber sagen, dass wenn die Uni dich haben will, sie Wege finden um dir zu helfen oder das Problem zu lösen.

Ehrlich gesagt war das Niveau dann nicht so schwer wie ich eigentlich gedacht hätte. Im amerikanischen System ist eine 4,0 die beste Note und ich hatte mit einem Abschluss von 3,97 fast nur Bestnoten. Eigentlich habe ich gedacht, dass mir einige Kurse extrem schwerfallen würden, was dann nicht der Fall war. Dazu muss man sagen, dass ich mein Abi mit einem Schnitt von 2,3 abgeschlossen habe - also kein vollkommener Überflieger in der Schule war. Ich würde das Niveau dennoch auch nicht als sehr locker einstufen.

Wie sind die Vorlesungen und Prüfungen an deiner Uni gestaltet?

Bei uns gibt es ähnlich wie in Deutschland Kurse mit etwa 400 Leuten in einem Hörsaal, ich hatte aber auch Kurse mit nur 20 Leuten, welche dann auch mehr den Klassenraumcharakter haben. Prinzipiell kommt das aber auf den Studiengang und die Kurse an, die man belegt. Man sollte auch immer zu seinen Vorlesungen gehen, vor allem wenn man nicht so gute Noten hat, denn falls nicht kann man für die Season suspendiert werden. Man ist jedoch entschuldigt, falls man während den Spielen Kurse hat, was aber meistens nicht der Fall war.

Was die Prüfungen angeht gab es bei mir viele Multiple-Choice-Prüfungen, aber man musste auch manchmal kleinere Aufsätze schreiben. Während des Semesters hatte man auch mehrere Tests, Klausuren und Aufgaben zu bewältigen. Daher hatte ich zum Beispiel auch in meinem Accounting-Kurs vier Klausuren über das Semester verteilt, was ich sehr gut fand, da somit die Endnote nicht von einer großen Prüfung am Ende des Semesters abhängt und die Vorbereitungszeit zum Lernen somit auch nicht so enorm lange war.

Wie groß ist die Herausforderung mit der englischen Sprache in den USA?

Ich persönlich hatte damit nie so große Probleme, aber ich würde sagen das hängt auch immer ein bisschen davon ab, wie gut man vorher in Englisch gewesen ist. Die Sprache ist anders als Schulenglisch und es dauerte bei mir zwei Wochen um reinzukommen und die Leute zu verstehen in Bezug auf deren Akzent. Wenn du aber die Englisch-Tests einigermaßen gut absolvierst und die Eingewöhnungszeit um sich auf deren Akzent einzustellen überwunden hast, ist die Sprache kein Problem. Von daher sollte man sich auf keinen Fall davon abhalten lassen nach USA zu gehen, auch wenn man in der Schule nicht so gut in Englisch war.

Wie kann man sich deine Wohnunterkunft vorstellen?

Normalerweise gibt es auf vielen Universitäten sogenannte „Dorms“, das sind Wohnunterkünfte auf dem Campus. Bei meiner Universität bin ich in einer Wohnung untergebracht, welche private Appartements sind und direkt neben dem Campus liegen. Dort wohne ich in einer 4er-WG mit drei Teamkollegen. Diese haben mich auch immer super unterstützt und mir beispielsweise, wenn ich mal irgendwo hinmusste, mir ihr Auto geliehen. Aber alles was man zum Leben braucht befindet sich auf dem Campus, also in direkter Umgebung.

Wie kann man sich den Campus deiner Universität vorstellen und wo in der Stadt befindet sich er?

Mein Uni hat finde ich einen recht coolen Campus, alle Gebäude sind miteinander verbunden, sodass alles problemlos zu Fuß erreichbar ist, was auch praktisch ist, wenn man direkt neben dem Campus wohnt. Der Campus ist etwa 40 Minuten außerhalb von Salt Lake City. Ein Auto habe ich allerdings nie so wirklich gebraucht, weil eben alles in der Umgebung des Campus zu finden ist.

Wie ist dein soziales Umfeld in den USA und welche Freunde konntest du dort gewinnen?

Da meine drei Mitbewohner auch meine Mannschaftskollegen sind, habe ich diese jeden Tag in der Woche um mich herum und verbringe die meiste Zeit mit Ihnen und natürlich auch mit meinen anderen Mannschaftskollegen. Generell kann ich sagen, dass die Amerikaner offener sind als die Deutschen und zum Beispiel nach dem Training immer zusammen mit dir essen gehen möchten. Bei uns an der Uni ist die Team-Chemie super, jeder in der Mannschaft ist wirklich sehr nett und man hat daher kein Problem Anschluss zu finden. Persönlich fand ich es am Anfang nur ein bisschen problematisch meine Familie und Freunde in Deutschland hinter mich zu lassen, wodurch ich dann aber auch selbständiger werden musste, was dann wieder eine ganz andere Erfahrung ist.

Wie ist generell die Betreuung und Hilfe vor Ort?

Es gab für das Studium speziell Tutoren für die Studiumsbetreuung, die auch sehr beim Lernen geholfen haben. Sportlich gesehen hat sich auch der Physio immer um mich gekümmert und beispielsweise bei Verletzungen für mich einen Arzttermin gemacht und mich hingefahren. Generell gibt es in den USA sehr viele Ressourcen, wenn es um Hilfe geht. Auch meine Mitbewohner bzw. Teamkollegen haben mir immer sehr geholfen und sobald man sich dann eingelebt hat, wusste ich wo man die Hilfe findet, die man gerade benötigt.

Was waren im Vornherein deine Bedenken und deine Erwartungen und inwiefern haben sich diese erfüllt?

Vor dem Start wollte ich alles erst einmal auf mich zukommen lassen. Ich konnte vorher auch gar nicht einschätzen wie meine Uni so sein könnte. Sorgen habe ich mir gemacht, wie ich mich dort zurechtfinden würde, also wie beispielsweise die Kurse und die Leute so sind. Am Anfang ist es dann auch eine kleine Herausforderung, weil auch die Kultur ganz anders ist und ich vorher auch nicht außerhalb von Deutschland gelebt habe, aber das ist ganz normal wenn man wo hingeht und niemanden kennt. Aber das ist auf jeden Fall auch eine super Erfahrung und nachdem man die Eingewöhnungszeit überwunden hat und ich mich eingelebt habe nach ein paar Wochen war das alles kein Problem mehr. Vorher macht man sich immer viele Gedenken, aber letztendlich gab es keinerlei Probleme und alles hat super geklappt.

Ansonsten habe ich mir von diesem Schritt vorallem eine 2. Chance für den Sprung in den Profifußball erhofft. Ich denke alles in allem lief es sehr gut. Von Jahr zu Jahr lief es besser für mich und ich bekam auch viele tolle Auszeichnungen. Von daher hoffe ich, dass es nächste Saison mit dem Draft für die MLS klappt – nachdem ich dieses Jahr bereits nominiert war. Im Moment stehen die Chancen hierfür ganz gut. Generell kann ich nur sagen, es ist eine tolle Erfahrung und es hat mir wahnsinnig viel gebracht, persönlich als auch sportlich und natürlich auch berufstechnisch durch meinen hervorragenden Abschluss. Deshalb kann ich nur jedem empfehlen, der die Chance für ein Fußballstipendium hat, diesen Schritt in die USA zu machen.