Interview Sonja Ballmert

Sonja Ballmert hat 5 Jahre bei der Eintracht Frankfurt gespielt. Die letzten drei Jahre spielte sie bereits bei der ersten Damenmannschaft des Vereins. Im Frühjahr 2016 hat sie ihr Abitur in Frankfurt abgeschlossen. Über ProSoc hat Sonja dann ein Sportstipendium des Tusculum College in Greenville, Tennessee angenommen und studiert nun dort Sportwissenschaften zusammen mit Sportmanagement im Doppel Major. Das Interview mit ProSoc führte Sonja nach ihrer ersten Saison im Februar 2017 durch.

Hi Sonja, vielen Dank, dass du dir die Zeit für ein Interview genommen hast und interessierten Spieler/innen einen Einblick in deine bisherigen Erfahrungen geben möchtest. Wir haben daher einige Fragen vorbereitet.

Wie bist du auf das Thema Fußballstipendien in den USA gestoßen?

Ich habe mir nach meinem Abi gedacht, mal ins Ausland zu gehen und dabei Fußball zu spielen, das wäre super. Eine Teamkollegin hat mich dann über die Möglichkeit eines Fußballstipendiums informiert. Sie war bereits mit ProSoc in Kontakt, sodass ich mich ebenfalls bei ProSoc über den Prozess informiert habe. Im Jahr 2015 habe ich dann beim Showcase teilgenommen – sprich 1 ½ Jahre bevor ich letztlich in die USA gegangen bin.

Wie hast du den organisatorischen Prozess im Vorlauf empfunden und welche Empfehlungen kannst du anderen Spielern geben, welche in die USA vermittelt werden?

Was ich jedem empfehlen kann, ist den TOEFL und den SAT-/ACT-Test nicht während des schriftlichen oder mündlichen Abis zu machen. Es ist ratsam diese Tests so früh wie möglich abzulegen, insbesondere auch aus dem Grund, falls es nicht mit dem gewünschten Score in den Tests geklappt hat. So hat man dann noch die Möglichkeit, den Test nochmal abzulegen. Dadurch hat man natürlich auch mehr Zeit, um sich besser für die Tests und auch später für das Abitur vorzubereiten.
Ansonsten war es am Ende mit meinem Visum sehr eng. Das sind aber alles kleinere organisatorische Probleme, welche man vermeiden kann, wenn man alles rechtzeitig plant und dann auch macht.

 

Wie ist deine erste Saison mit deinem Team verlaufen?

Zu Beginn der Saison hatten wir ein Trainingslager auf Hawaii – das war natürlich ein traumhafter Start. Das findet an unserem College alle vier Jahre statt, sodass man das einmal in seiner College-Karriere miterleben kann. Unsere Saison ist sehr erfolgreich verlaufen, wir haben unsere Conference gewonnen und haben uns für das National Tournament qualifiziert, in dem wir dann leider aber in der ersten Runde unglücklich ausgeschieden sind.

Kannst du den Ablauf deiner Pre-Season auf Hawaii näher beschreiben?

Neben den Trainingseinheiten haben wir auch viel von Hawaii gesehen und Ausflüge gemacht. Wir haben beispielsweise Pearl Harbour gesehen und waren ab und zu Wandern in den Bergen. Wir hatten aber auch schon 2-3 mal am Tag Training, also haben nicht nur unsere Füße am Strand hochgelegt. Als wir dann wieder an der Uni waren, hatten wir noch ein härteres Programm, in dem viel Wert auf Fitness gelegt wurde, sodass wir auch körperlich gut für die Saison vorbereitet waren.

Wie würdest du die sportliche Zeit in den USA beschreiben? Wie würdest du das Niveau beschreiben?

Unser Team spielt in der Divison II - wir haben ein recht gutes Team und auch eine wirklich erfolgreiche Saison gespielt. Ich persönlich plane und hoffe meine letzten zwei Jahre dann nochmal in der Division I zu spielen, um einfach dort nochmal eine neue Herausforderung zu erleben.

Im Vergleich zum deutschen Fußball ist das Niveau auf jeden Fall athletischer und schneller. Es ist auch körperlicher und aggressiver als in Deutschland.

Wie verstehst du dich mit den Spielern deiner Mannschaft?

Wir haben eine wirklich super Truppe und verstehen uns sowohl auf als auch neben dem Platz sehr gut – ich denke das war auch ein Erfolgsfaktor für unsere erfolgreiche Saison. Wir haben nicht nur zusammen Fußball gespielt, sondern waren rund um die Uhr zusammen und man hat sich auch mal an spielfreien Wochenende gesehen und etwas gemeinsam gemacht. Natürlich sind wir nicht immer alle dabei, aber wir waren schon immer eine größere Gruppen, wenn wir etwas zusammen unternommen haben.

Wie läuft dein typischer Tagesablauf ab und wie unterscheidet sich dabei die Season von der Off-Season?

Die Season und die Off-Season unterscheiden sich gar nicht so extrem, da wir eigentlich das ganze Jahr über Training haben. Wir haben dann immer entweder von 8:30 Uhr – 11:30 Uhr oder von 12:30 Uhr – 15:30 Uhr Unterricht. Vor der Schule oder nach der Schule haben wir dann immer Training. Manchmal auch zweimal am Tag, also wenn wir beispielsweise um 6:30 Uhr Training haben, ist dann nochmal eine Einheit um 16:30 Uhr. Ansonsten steht der Tag eigentlich zur freien Verfügung - also entweder Hausaufgaben machen, Lernen, sich mit Freunden treffen oder etwas unternehmen.

Wie sind die Vorlesungen und das Prüfungssystem an deinem College gestaltet?

An meinem College ist es im Prinzip wie in der Oberstufe an der Schule. Wir haben einen Lehrer, der nicht wirklich eine Vorlesung hält, sondern das ist mehr eine Art Frage-und-Antwort-Spiel und man löst zusammen in der Klasse Aufgaben oder man bespricht Lösungen. Wir haben daher auch relativ kleine Klassen mit 20-25 Leuten. Während den drei Stunden Unterricht machen die Lehrer auch Pausen und lassen uns 20-30 Minuten rausgehen.

Alle vier Wochen haben wir die Examenswoche. In dieser Woche müssen wir dann Prüfungsleistungen erbringen, also entweder Multiple-Choice-Tests, einen Essay abgeben oder eine Präsentation halten. Diese Woche ist dann auch immer etwas stressiger als die anderen, aber das ist auf jeden Fall alles machbar, wenn man nur will.

Das Niveau ist auch nicht als einfach einzuschätzen aber durch die gute schulische Ausbildung, die wir meiner Meinung nach in Deutschland bekommen, ist es auch auf jeden Fall mehr als machbar das Schulische zu bewältigen, auch wenn es eine andere Sprache ist.

Wie würdest du das Ansehen und die Wahrnehmung deines Soccer Teams und von dir als Athlet an deiner Uni und in den USA generell einschätzen?

Es ist generell in den USA als Student-Athlet so, dass man automatisch ein höheres Ansehen hat, weil die Leute wissen, dass man etwas Besonderes leistet und sich auch etwas erhofft - was in den USA durch deren Kultur und Einstellung hinsichtlich „American Dream“ beispielsweise einen hohen Stellenwert hat. Man ist an der Uni eben nicht nur um zu studieren, sondern man hat eben auch noch seine Spiele für das College-Team und jeden Tag Training.

Wie ist der Ablauf bei Fahrten zu Auswärtsspielen und hast du währenddessen Unterrichtszeiten an der Uni?

Bei Auswärtsspielen war es meistens so, dass wir das ganze Wochenende unterwegs waren. Wir sind freitags losgefahren und hatten abends ein Spiel, sind dann weitergefahren und hatten Sonntag ein anderes Auswärtsspiel. Man ist dann auch freitags für die Uni entschuldigt, aber es ist nicht so, dass man am Wochenende die Füße hochlegen kann. Man muss dann auch schon mal an diesem Wochenende im Bus oder im Hotelzimmer seine Aufgaben erledigen, was aber kein Problem ist, weil es den anderen Spielern genauso geht und sie dir dann auch während der Auswärtsfahrt helfen können.

Wie würdest du den Unterschied zu Studenten beschreiben, welche keine Sportstipendien erhalten haben?

Es ist für „normale“ Studenten sicherlich etwas einfacher seine Aufgaben zu koordinieren, da sie etwas mehr Zeit für die Uni haben und wir Athleten eine zweite Sache haben, auf die wir uns voll konzentrieren sollten. Allerdings ist man als Athlet nicht automatisch ein schlechterer Student – im Gegenteil. Eine Teamkollegin beispielsweise wurde dieses Jahr zum zweiten Mal in Folge als Academic All American für Ihren exzellenten Notendurschnitt ausgezeichnet und das obwohl sie bei uns immer jedes Spiel und Training mitgemacht hat.

Wie würdest du die sportlichen Rahmenbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten beschreiben?

Die physiotherapeutischen Möglichkeiten, die Trainingsplätze, der Kraftraum und alles andere drum herum sind wirklich eine ganz andere Liga als ich es in Deutschland gewohnt war. Für den Winter haben wir eine Indoor Facility, also einen überdachten Kunstrasen, und dazu auch noch ein wunderbares Stadion. Die ganze Infrastruktur ist wirklich genau das, was das Fußballerherz begehrt.

Wovon profitierst du durch die enge Verzahnung von Fußball und Studium in den USA im Vergleich zu Deutschland?

Dadurch, dass hier beides wirklich an einem Ort ist und die Vorlesungen mit den Trainings- und Spielzeiten aufeinander abgestimmt sind, kollidiert der Fußball nie mit der Schule. Auch in der Off-Season sind immer Trainer zur Verfügung, sodass man je nach Stundenplan seine Trainingseinheiten machen kann. In Frankfurt war es so, dass die Leute die studiert haben, abends ihre Vorlesungen hatten und deshalb entweder nicht in Vorlesungen oder Training gehen konnten.

Wer sind deine Ansprechpartner, wenn man Probleme in sportlicher oder akademischer Hinsicht hat?

Man kann sportlich natürlich zu seinem Physio und Trainer gehen, aber auch die älteren Mitspieler helfen einem sehr. Akademisch gesehen, bekommt man einen Tutor zugeteilt, der dir hilft seine Klassen zu belegen und sich anzumelden. Auch die Lehrer sind immer sehr ansprechbar und da wir nur kleinere Klassen haben, weiß auch jeder Lehrer wer man persönlich ist.

Wie würdest du das Leben dort beschreiben? Wie ist man untergebracht?

Im ersten Jahr lebt man hier am College in Einzel- oder Doppelzimmern. Man lebt also in einem großen Gebäude mit vielen kleinen Zimmern und man hat Gemeinschaftsbäder. In den höheren Semestern kommt man dann auch in größere Unterkünfte, zum Beispiel dann in Apartments mit vier anderen Mädels, in denen man dann auch eine Küche hat mit Bad und Wohnraum. Die Unterkunft ist aber immer abhängig von der jeweiligen Uni.

Wir haben eine Cafeteria, zu denen man normalerweise immer morgens, mittags und abends zum Essen hingeht. Zusätzlich haben wir einen Kiosk, der fast 24 Stunden offen hat und der alles bietet. Ansonsten leben wir hier fast wie zu Hause. Der Alltag ist relativ gleich wie in Deutschland, man hat Training, Schule und unternimmt was mit Freunden. Ab und zu schauen wir uns mal außerhalb des Colleges etwas an, besuchen eine andere Stadt und gehen mal shoppen.

Wie kann man sich das Campus- und Studentenleben an deiner Uni vorstellen und was gibt es in der Nähe an Freizeitmöglichkeiten?

An meinem Campus kann man alles innerhalb von 10 Minuten Fußweg erreichen. Bei mir war es so, wenn ich vom Unterricht zurück zum Zimmer und dann auf den Trainingsplatz und in die Cafeteria gehen will, habe ich immer jeweils nur 5 Minuten gebraucht.
In unserer näheren Umgebung gibt es kleinere Shoppingläden und Malls oder auch ganz normale Bars und Kinos. Alles was man eben auch in Deutschland erleben kann. Etwa 20-30 Minuten außerhalb liegen die etwas größeren Städte Johnson City und Knoxville, wo es auch größere Malls gibt.

Wo bist du in deinen Ferien bislang hingereist und was sind deine Pläne für die kommenden Ferien? Fliegst du zurück nach Deutschland?

Während der Thanksgiving Break im Winter war ich in North Carolina und habe dort eine Woche verbracht. In der Christmas Break war ich dann einen Monat zurück in Deutschland bei meiner Familie und habe mich ganz normal mit meinen Freunden getroffen.

Gab es im Vornherein Bedenken in die USA zu gehen und haben sich diese bewahrheitet?

Ich hatte Bedenken, dass ich meinen Bruder, der meine engste Bezugsperson ist, weniger sehe. Im Nachhinein war das aber kein Problem, da wir uns über Facetime und Skype sogar mehr gesehen haben wie vorher, da er zuvor in Deutschland bereits umgezogen war.

Meine anderen Bedenken waren wegen der Sprache, aber ich hatte nach der Eingewöhnungsphase damit keine Probleme. Auch weil man eben auch sehr schnell Anschluss findet und viel macht bzw. zu tun hat – sprich man gar keine Zeit nachzudenken, ob man jemanden vermisst oder etwas bereut.

Wie ist dein Fazit bislang nach deiner Zeit? Welche Erwartungen haben sich erfüllt?

Ich würde sagen, dass sich bislang meine Erwartungen mehr als erfüllt haben. Fußballerisch bin ich auf einem besseren Niveau, athletisch fühle ich mich besser als jemals zuvor in Deutschland. Schulisch ist es etwas einfacher als in Deutschland, aber wegen der Sprache muss man sich trotzdem auch hinsetzen und etwas dafür tun. Die Leute sind durch die Bank alle super in Ordnung, man kommt mit allen super klar und es gibt nichts, bei dem ich denken würde: Hilfe, ich muss hier weg!
Alles in allem bereue ich diesen Schritt absolut nicht, auch weil es mir in der Persönlichkeitsentwicklung sehr geholfen hat auf eigenen Füßen zu stehen und mehr oder weniger sein eigenes Leben zu leben. Es ist eine Herausforderung, aber eine die ich jedes Mal wieder machen würde.

Was sind deine Pläne nach deiner Studienzeit in Amerika?

Ich plane nach meinem Bachelorabschluss meinen Master in International Business auch in den USA zu machen. Wo genau weiß ich noch nicht. Zurzeit kann ich mir vorstellen, dass ich nach meiner Studienzeit in den USA lebe. Auch mit dem Hintergedanken, dass ich nachdem ich 4 bis 8 Jahre hier gelebt habe, schon meinen eigenen Freundeskreis und Leben hier aufgebaut habe.