Interview Tim Neumann

Tim Neumann bei ProSoc

Tim Neumann (19 Jahre) hat bis Sommer 2016 in der U19 des 1. FC Kaiserslautern gespielt und im Fußballinternat des Heinrich-Heine-Gymnasiums in Kaiserslautern gelebt. Seit August 2016 hat er sich für einen neuen Lebensabschnitt an der American University in Washington entschieden, einer akademisch sehr hochwertige Uni, und studiert dort im Bachelor Business Administration.

Hi Tim, vielen Dank, dass du dir die Zeit für ein Interview genommen hast und interessierten Spieler/innen einen Einblick in deine bisherigen Erfahrungen geben möchtest. Wir haben daher einige Fragen vorbereitet.

Was waren für dich im Vorfeld die wesentlichen Gründe in die USA zu gehen?

Der wichtigste Punkt war für mich die enge Verzahnung von akademischer Ausbildung und Fußball. Eine derartige Möglichkeit gibt es in Deutschland nicht, da die Vereine auf Profiniveau keine Rücksicht auf die Vorlesungszeiten der Uni nehmen. In Deutschland würde ich entweder auf hohem Niveau Fußball spielen oder studieren und nebenbei eher niedrigklassig kicken. Dazu kommt, dass das fußballerische Niveau in den USA sehr gut ist.

Wie würdest du den Vermittlungsprozess mit ProSoc beschreiben? Welche Bedeutung hatte für dich die Teilnahme am Showcase?

ProSoc hat mir sehr gut verdeutlicht, welche Aufgaben im Vorfeld und zu welchem Zeitpunkt erledigt werden müssen – z.B. sich auf die beiden Tests (SAT und TOEFL) vorzubereiten, die Zeugnisse übersetzen zu lassen, die Spielgenehmigung beim Dachverband zu erhalten und ein Visum zu beantragen. Auch habe ich durch ProSoc die Möglichkeit erhalten am Showcase-Event teilzunehmen – durch diese Veranstaltung sind einzelne Trainer auf mich aufmerksam geworden. Auch in der Zeit nach meiner Vermittlung ist der Kontakt bestehen geblieben.

Welchen zeitlichen Vorlauf würdest du zur Vorbereitung auf einen Aufenthalt in den USA empfehlen?

Ich würde auf alle Fälle empfehlen sich frühzeitig auf die Tests vorzubereiten und diese sofern möglich vielleicht schon im vorletzten Jahr in der Schule zu machen, um nicht mit dem Lernen für das Abitur in Kollision zu kommen. Man kann sich auf die beiden Tests wirklich sehr gut vorbereiten und dadurch ein gutes Ergebnis schaffen – dieses entscheidet ja letztlich zusammen mit meinem Schulabschluss darüber, bei welchen Unis ich die akademischen Zugangsvoraussetzungen erfülle.

Du lebst seit August 2016 in den USA: Wie bist du in den USA untergebracht? Wie ist dein soziales Umfeld am College? Welche Möglichkeiten hast du in deiner Freizeit in den USA?

Im 1. Studienjahr habe ich erstmal auf dem Campus in sogenannten „Dorms“ mit einem weiteren Studenten gewohnt, was eine sehr gute Möglichkeit war. Im 2. Studienjahr werde ich jetzt wahrscheinlich aber doch mit ein paar Teamkameraden in ein Haus umziehen und eine WG gründen. Ohnehin verbringe ich die meiste Zeit mit meinen Teamkameraden – wir verstehen uns wirklich super und haben einen großen Zusammenhalt. Aber auch die anderen Leute am College sind sehr offen, interessiert und hilfsbereit, was mir die Eingewöhnung sehr vereinfacht hat.

Die Freizeitmöglichkeiten waren während der „Season“ (Wintersemester) sehr eingeschränkt. Uni ab morgens um 8 Uhr, am Nachmittag dann Training und abends müssen Hausaufgaben gemacht und gelernt werden. In der „Off-Season“ (Sommersemester) ist das ein ganz anderes Gefühl, da die Zeit weniger intensiv ist. Man hat auch mal Zeit für andere Aktivitäten – auch zum Reisen, um das Land zu erkunden.

Wie hast du dich mit der englischen Sprache im Studium zurechtgefunden? Wie hast du den Einstieg empfunden und wie findest du dich inzwischen zurecht?

Im Großen und Ganzen komme ich mit der Sprache sehr gut zurecht. Klar benötigt man am Anfang immer etwas Eingewöhnung – aber nach ca. 1,5 bis 2 Monaten war ich da voll drin. Die Gesprächspartner nehmen dabei auch wirklich viel Rücksicht auf alle deren Muttersprache nicht Englisch ist und auch die Dozenten sprechen laut und deutlich.

Bist du der einzige Europäer in deinem Team oder hast du noch weitere Mitspieler aus anderen Herkunftsländern?

Außer mir sind noch zwei weitere Deutsche, ein Grieche und ein Engländer in meinem Team, dazu noch ein Australier. Der Rest sind Amerikaner. Der Kontakt mit anderen Herkunftsländern ist wirklich sehr interessant muss ich sagen, man lernt viel über andere Länder und Kulturen, aber auch über deren Fußball.

Welchen Stellenwert hat Fussball an deiner Uni?

Fußball ist unheimlich angesehen – bei Spielen sind immer zahlreiche Zuschauer da und man spielt vor einer tollen Kulisse. Die Zuschauer sind hauptsächlich Studenten und Dozenten der Uni sowie Eltern, es kommen aber auch ein paar „Fremde“. Schön ist, dass man die Leute für den Sport begeistern kann. Einige waren dieses Jahr zum ersten Mal bei einem Spiel und wollen sich nächstes Jahr wieder ein paar Spiele anschauen. Bei manchen Auswärtsspielen sind es noch deutlich mehr Zuschauer wie bei unseren Heimspielen.

Wie empfindest du deine Betreuung durch die Universität vor Ort?

Die Betreuung vor Ort ist wirklich super, für Sportler gibt es einen eigenen Betreuer, der bei allen Fragen und Problemen rund um die akademische Ausbildung hilft. Zudem gibt es weitere Angebote zur Unterstützung, z.B. bei Stress oder Depressionen. Auch ist das Verhältnis zu Trainern viel lockerer als in Deutschland. Man kann jederzeit auf sie zugehen und mit ihnen sprechen.

Wie würdest du einen typischen Wochentag während der Saison beschreiben?

In der „Season“ finden mittwochs und samstags unsere Spiele statt, Training findet an den anderen Tagen statt – mit Ausnahme des sonntags, der ist in der Regel frei und wir Sportler nutzen diesen dann häufig für Hausaufgaben oder zum Lernen. Im Gegensatz dazu ist der Tagesablauf bei einem „normalen“ Studenten natürlich schon deutlich lockerer, diese haben nur 2 Klassen pro Tag und danach Freizeit.
8-11/13.30 Uhr: Vorlesung
14.30-16.30/17 Uhr: Training
Abendessen
Ab 18 Uhr: Zeit für Hausaufgaben/Lernen

In der „Off-Season“ – der Nebensaison – sieht der Tagesablauf wiederum ganz anders aus: Da steht erst Training und dann Vorlesung auf dem Plan. Montags, mittwochs und freitags steht Krafttraining vor dem Fußballtraining auf dem Programm. Dienstags und donnerstags ist Laufen angesagt. In der Spring-Season zwischen Januar und Mai ist die Intensität nicht ganz so hoch. Es finden nur ca. 8 Spiele statt, die genaue Anzahl weiß ich grad gar nicht. Dazu kommt noch ein internationaler Trip.
7-8 Uhr: Kraft-/Ausdauertraining
8-11 Uhr: Fußballtraining
11/13.30-16 Uhr: Vorlesung

Wie würdest du das sportliche Niveau & die sportlichen Rahmenbedingungen in den USA beschreiben?

Das Niveau der Mannschaften und Spieler entspricht häufig dem Oberliganiveau in Deutschland, etwas schwächere Teams agieren auf Verbandsliga/Landesliga Niveau. Nimmt man die Top 25 des Landes dagegen, dann spielen diese im Vergleich zum deutschen Herrenfußball auf Regionalliga-Niveau.

Das Training erfolgt auf einem sehr hohen Level und ist sehr ausgewogen – somit macht es Spaß und man kann sich optimal weiterentwickeln. Die Rahmenbedingungen sind extrem professionell – es wird z.B. sehr viel mit Videoanalysen gearbeitet, sowohl in der Spielvorbereitung und -nachbereitung. Vor jedem Spiel erhält man zudem ein Blatt mit den wichtigsten Informationen zum Gegner. Auch der Trainerstab besteht insgesamt aus mehreren Personen: Head Coach, Associate Head Coach, Assistant Coach, Torwarttrainer und drei Physios.

Wie kann man sich Vorlesungen & Prüfungen an einem US-College vorstellen?

Die Vorlesungen dauern 75 Minuten. Ich hatte nur eine große Klasse mit ca. 200-250 Studenten. Die anderen Klassen waren immer kleiner, so zwischen 15-40 Studierenden. Die kleinen Klassen sind deutlich angenehmer und interessanter, da gibt es mehr Interaktion. Für das nächste Studienjahr habe ich mir daher nur noch kleine Klassen gesucht.

Die Prüfungen waren häufig Multiple-Choice, nur in der Englisch-Klasse musste man auch Texte schreiben. Neben der großen Prüfung am Ende gab es in jeder Klasse 1-2 Mid Term-Prüfungen. Das gute ist, dass die Klausur am Ende nur 50% zählt. Der andere Teil der Note besteht aus den unterjährigen Prüfungen, Aufsätzen, Hausaufgaben und der Mitarbeit. D.h. die Noten sind nicht von einer einzigen Prüfung abhängig, was ich sehr gut finde.

Wie würdest die Verzahnung von Studium und Fussball im College beschreiben?

In der Fall-Season haben wir um 14.30 Uhr Training, davor ist Vorlesung. Das ist mit Absicht so gemacht. Nur wer in die Vorlesung geht darf danach auch am Training teilnehmen. Vorlesungen darf man nur ausfallen lassen, wenn man sportlich bedingt abwesend ist. Dann ist man immer automatisch entschuldigt. Gut ist auch, dass man Hilfe dabei bekommt den verpassten Unterricht nachzuholen. Auch bei Klausuren haben wir Athleten Sonderrechte. Eigentlich darf man nämlich keine Klausur verpassen. Für uns Sportler gibt es einen Nachholtermin oder wir haben die Möglichkeit die Klausur nicht zu schreiben und dafür andere Prüfungsleistungen stärker zu gewichten.

Was würdest du speziell einem Spieler in Bezug auf ein US-Stipendium raten, der wie du in einem NLZ spielt, bei dem jedoch zumeist unklar ist, ob sein Weg in den Profifussball führen wird?

Einem NLZ-Spieler, der auch beruflich weiterkommen möchte kann ich ein Studium in den USA nur empfehlen. Er sollte sich auch schon zu U19-Zeit Gedanken darüber machen, vielleicht nicht zwingend im 1. Jahr, aber dann spätestens im 2 Jahr. Auch ich habe mich bereits frühzeitig dafür entschieden mit dem Fußallstipendium einen alternativen Plan zu entwickeln – zumal ich mich ja erst am Ende – also nach Vorlage eines Stipendienangebots – entscheiden musste und dieser Weg somit kein Risiko, sondern nur Chancen beinhaltet hat.

Was würdest du dazusagen, wenn jemand behauptet, dass USA ein sportlicher Rückschritt ist, um sich als deutscher Leistungsfussballer weiterzuentwickeln?

Da würde ich ihm widersprechen. Es gibt hier sehr gute Unis und die Kontakte zur MLS (Major League Soccer) sind auch vorhanden. Die Perspektiven für später sind gegeben. Den Weg in die USA nicht anzutreten kann ich mir nur vorstellen, wenn man sich in Deutschland einen Platz in einem Erst-, Zweit- oder Drittliga-Team erhofft, ansonsten ist das hier auf keinen Fall ein Rückschritt.

Wie würdest du deine Entscheidung in die USA zu gehen bislang bewerten? Welche Erwartungen haben sich erfüllt, welche nicht?

Ich empfinde es als eine optimale Entscheidung. Ich halte mir dadurch für später alle Möglichkeiten offen. Hier spiele ich fußballerisch auf einem extrem hohen Niveau und mache gleichzeitig einen Top-Studienabschluss. Sicherlich wäre eine „Sportuni“ noch geiler, aber ich bin hier sehr zufrieden. Also unter Sportuni verstehe ich die Unis, die den Fußball noch stärker fördern. Bei mir liegt der Fokus ja etwas mehr auf dem Akademischen.

Als Zwischenfazit lässt sich sagen, dass sich meine Erwartungen bislang voll erfüllt haben. Sportlich habe ich fast jedes Spiel gemacht und habe Spaß am Fußball. Auch in Sachen Studium habe ich für mich den richtigen Studiengang gewählt.

Was machst du in deinen nächsten Semesterferien? Kommst du für die 3 Monate nach Hause?

Jetzt über Weihnachten bin ich nach Hause geflogen. Wie ich die nächsten Ferien verbringe steht noch nicht genau fest. Der College-Trainer hat mir angeboten in der Zeit mit der U23 in den USA zu trainieren. Das würde mich reizen. Daher kann es sein, dass ich den Großteil der Zeit drüben bleibe und nur für 2-3 Wochen heim komme.

Welche Ziele hast du für die Zeit nach deinem Studium (Fussball, Studium)?

Aktuell habe ich mir um die Zeit nach meinem Amerika-Aufenthalt noch gar keine so großen Gedanken gemacht. Ich denke ich schaue einfach welche sportlichen und beruflichen Perspektiven es bis dahin in Deutschland für mich gibt. Ich möchte nichts ausschließen. Neben der Option Fußball wäre auch ein Beruf im Sportmanagement denkbar.